Biografie

Karl Fred Dahmen

Karl Friedrich Josef Dahmen wird am 4. November 1917 in Stolberg bei Aachen geboren. Schon im Kindesalter zeichnet sich eine künstlerische Begabung bei ihm ab, in Folge dessen besucht er von 1931 die Kunstgewerbeschule in Aachen bis zu derer Schließung im Jahre 1933. Kurz darauf beginnt er eine Lehre als Gebrauchsgrafiker und arbeitet bis zum Einzug in den Arbeitsdienst 1938 als freischaffender Maler und Grafiker.

Im Zweiten Weltkrieg von 1939 bis 1945 wird Dahmen zum größten Teil als Kradmelder u.a. in Frankreich sowie im Balkan- und Russlandfeldzug eingesetzt. Trotz schwierigster Umstände versucht er, seiner Leidenschaft für die Malerei nachzukommen. Die hier entstandenen Arbeiten sendet Dahmen seiner Frau zum Verkauf nach Hause. Nach seiner Hochzeit mit Martha Ursula, genannt 'Usch', 1940 wird am 12. Januar 1941 der gemeinsame Sohn Volker geboren.

Karl Fred Dahmen gerät in Kriegsgefangenschaft, aus der er 1945 entlassen wird, um anschließend mit seiner Familie ins elterliche Haus in Stolberg zu ziehen; dort richtet er sich ein Dachatelier ein. Obwohl er im gleichen Jahr die Aufnahmeprüfung an der Düsseldorfer Kunstakademie besteht, entschließt er sich schon kurz darauf, diese wieder zu verlassen, um als freischaffender Künstler zu arbeiten. In den kommenden Jahren entstehen einige Auftragsarbeiten, zumeist Portrait- und Landschaftsmalerei. Seine erste Einzelausstellung erhält der Künstler 1946 im Suermondt-Museum in Aachen.

Von 1948 an reist Dahmen mehrfach nach Frankreich und tauscht sich dort mit Künstlern der 'Nouvelle Ecole de Paris', aus und pflegt in den folgenden Jahren intensive Freundschaften zu Wilfrid Moser, Louis Nallard, Serge Poliakoff, Raoul Ubac, Alexandre Tstrati und Natalia Dumitresco. Diese Kontakte zur französischen Kunstszene führen zu einer intensiven Auseinandersetzung mit gegenstandsloser Kunst. Ein Stipendium bietet Dahmen 1951 die Möglichkeit, sich für längere Zeit in Italien aufzuhalten. Im selben Jahr richtet die Galerie Kasper in Ascona/Schweiz eine Einzelausstellung für den Künstler aus.

Gründung der Gruppe 53

Zusammen mit Carl Schneider, Fritz Martin, Franz Josef Herold und Engelbert Mainzer gründet Karl Fred Dahmen 1952 die ‘Neue Aachener Gruppe’. Ein Jahr später gründet er 1953 u.a. mit Peter Brüning und Gerhard Hoehme die Düsseldorfer Künstlervereinigung ‘Gruppe 53’. In dieser Zeit verlässt Dahmen die gegenständliche Kunst und entwickelt eine eigene tektonisch-strukturelle Formensprache unter Einbeziehung realer Materialien, die sich insbesondere in den sogenannten ‘Städtebildern’ (vgl. Wvz.-Nr. Weber 016.50 - B 0061) abzeichnet und in ersten Holzcollagen (vgl. Wvz.-Nr. Weber 011.53 - B 0080) fortsetzt bis zur Hinwendung zum informellen Stil (vgl. Wvz.-Nr. Weber 011.56 - B 0118).

Komposition, 1956, Öl auf Leinwand, 76,5 x 120 cm, Wvz.-Nr. Weber 011.56 - B 0118

Dahmen organisiert mit französischen Künstlerkollegen wie u.a. Jules Bissière, Raoul Ubac und Serge Poliakoff die erste deutsch-französische Ausstellung mit dem Titel ‘Malerei von Heute’ mit Stationen in Aachen, Köln und Düsseldorf. Mit der Künstlervereinigung ‘Gression’ stellt Dahmen zusammen mit seinen deutschen Kollegen Rolf Faber, Franz Josef Herold, Willi Kohl, Fritz Martin, Bert Stollenwerk und Hubert Werden aus.

Um für sich und seiner Familie das Einkommen zu sichern, nimmt Karl Fred Dahmen ab 1954 (bis 1959) eine Stelle als Zeichenlehrer an einer Privatschule in Aachen an. Im selben Jahr findet in der Pariser Galerie Arnaud die erste Einzelausstellung in Frankreich statt sowie eine Gruppenausstellung im Suermondt-Museum in Aachen mit der Beteiligung von K.O. Goetz, Erich Mueller Kraus, Hans Pastor, Ludwig Schaffrath und Hubert Werden.

1955 entwickelt Dahmen seine informelle Phase weiter; reliefartige Formenelemente treten zunehmend in seinen Arbeiten auf. In den folgenden Jahren beteiligt er sich an den Ausstellungen, ‘Divergences 3’, ‘Divergences 4’ und  ‘Divergences 5’ der Pariser Galerie Arnaud mit Stationen in Paris, im Stedelijk Museum Amsterdam und im Stedelijk Museum im Niederländischen Schiedam.

Karl Fred Dahmen und die Landschaft um Stolberg

1956 zieht der Künstler mit seiner Familie in sein neu gebautes Haus mit Atelier in Stolberg um.  In diesem Zeitraum kommt es in seiner künstlerischen Tätigkeit ebenfalls zu einem Umbruch. Die vom Braunkohleabbau im Aachener Raum zerklüftete Landschaft spiegelt sich nun auch in seinen Werken wieder - die Oberflächen sind zerfurcht in erdigen Farbtönen (vgl. Wvz.-Nr. Weber 015.57 - B 0284). Die in der Zeit entstehenden Werke sind stark an den Tachismus angelehnt.

Auch an der 1957 stattfindenden wegweisenden Mannheimer Ausstellung 'Eine neue Richtung in der Malerei' zum Thema des deutschen Tachismus ist Dahmen vertreten. Im selben Jahr wird Dahmen Mitglied beim Deutschen Künstlerbund Berlin und nimmt fortan regelmäßig an deren Ausstellungen teil.

Ohne Titel, 1957, Öl auf Leinwand, 40 x 46,5 cm, Wvz.-Nr. Weber 039.57 - B 0472

1958 wird dem Künstler die Goldmedaille des Ersten Internationalen Kunstpreises für abstrakte Kunst der Schweiz in Lausanne verliehen. Um mehr Platz für seine künstlerische Tätigkeit zu schaffen, bezieht er ein zusätzliches Atelier in einer alten Spinnerei auf dem Land bei Aachen. Ebenfalls 1958 nimmt er erstmalig an einer Ausstellung des Westdeutschen Künstlerbundes teil und beteiligt sich bis 1979 immer wieder an deren Ausstellungen.

In den kommenden Jahren finden zahlreiche Einzelausstellungen sowie Gruppenausstellungen im In- und Ausland statt u.a. die Wanderausstellung 'Arte Actuale Aleman' mit Stationen in Südamerika, oder die wichtige Ausstellung 'Gruppe 53' in der Düsseldorfer Kunsthalle und im Suermondt-Museum in Aachen. In dieser Zeit reist der Künstler mehrmals nach Paris sowie erstmals nach Spanien und gibt seine Lehrtätigkeit schließlich auf. Auch auf der documenta II in Kassel ist Karl Fred Dahmen erstmals vertreten.

Ab 1960 entstehen Dahmens sogenannten 'Mauerbilder', die durch das Weglassen und Ausgraben des Malmaterials ihre intensiven Relief-Eigenschaften zum Collage-Charakter verstärken. Dahmen ist Mitbegründer der 'Nouvelle ècole Européene' in Lausanne und nimmt an verschiedenen nationalen und internationalen Gruppenausstellungen, u.a. auch in Südamerika, teil.

1961 entwirft und realisiert Dahmen eine monumentale Wandarbeit aus Schiefer im Außenraum (Wvz.-Nr. Weber 001.61 - B 0425). In den Folgejahren reist der Künstler jährlich nach Ibiza und richtet sich dort ein Atelier ein. Anfang der 60er Jahre lässt er sich ebenfalls ein zusätzliches Atelier auf seinem Grundstück in Stolberg errichten.

1962 folgt Dahmen der Einladung des Nationalmuseums in Tokio, sich an der Biennale 'Exhibition of Prints' zu beteiligen. Darüber hinaus sind seine Werke in zahlreichen Ausstellungen zu sehen, wie u.a. bei der 'Großen Kunstausstellung' im Haus der Kunst in München oder im Museum Boymans van Beuningen in Rotterdam. Die Hamburger Kunsthalle erwirbt das Werk 'Komposition' (Wvz.-Nr. Weber 034.63 - B 0159).

Seine Objektkästen

Die ersten dreidimensionalen Objektkästen von Karl Fred Dahmen entwickeln sich 1965 aus den Montagebildern heraus. Wie schon zuvor benutzt der Künstler auch hier verschiedene Materialien wie beispielsweise Leder unter Verwendung unterschiedlicher Fundstücke wie Autoscheinwerfer, Eierkartons oder alte Korsagen (vgl. Wvz.-Nr. Weber 022.62 - B 0053). Neben zahlreichen Gruppen- und Einzelausstellungen im In- und Ausland beteiligt sich Dahmen an einer Wanderausstellung deutscher Künstler durch die USA mit Stationen in Baltimore, Boston, Chicago, Detroit, Los Angeles, San Francisco und Washington D.C.

Montage, 1964, Objektkasten, 40 x 32,5 x 4,5 cm, Wvz.-Nr. Weber 042.64 - K 014

1966 erhält Dahmen für sein 1965 entstandenes Montagebild (Wvz.-Nr. Weber 023.65 – B 0314) den Karl-Osthaus-Preis der Stadt Hagen. Auch wird er Mitglied der 'Neuen Gruppe' München und des Westdeutschen Künstlerbundes Hagen. Ende des Jahres beginnt der Künstler mit einer weiteren Wandgestaltung im Foyer des Neuen Theaters Schweinfurt.

Der Fotograf Robert Häusser besucht Dahmen in Stolberg und fotografiert den Künstler in der geschundenen Landschaft, die Dahmens Malerei stark beeinflusst. Auch in den Folgejahren finden weitere Besuche von Häusser bei Dahmen statt, um den Künstler bei seiner Arbeit als auch seine Kunstwerke zu fotografieren. Auch Dahmen lässt sich von den Fotografien Häusser für sein Werk inspirieren.

Karl Fred Dahmen und die Landschaft im Chiemgau

Nachdem der Künstler 1967 einen Lehrauftrag als Dozent am Lehrstuhl für Malerei an der Akademie der Künste in München aufnimmt, zieht er mit seiner Familie nach München bis er schließlich 1968 einen alten Bauernhof in Pittenhart im Chiemgau erwirbt und sich dort niederlässt.

Die neue landschaftliche Umgebung hat fortan Einfluss auf Dahmens Kunst. Waren seine Werke zuvor von der durch Industrie und Tagebau zerstörten Landschaft um Aachen herum geprägt, so erlebt er im Chiemgau nun eine rein landwirtschaftlich genutzte und scheinbar intakte und augenscheinlich schöne Natur.

Die den Künstler umgebende sanfte Natur des Chiemgaus inspirieren Dahmen zu seiner Gruppe der grüntonigen 'Tele-Landschaften' (vgl. Wvz.-Nr. Weber 029.70 - K 033) als Sinnbild für die hügeligen Sommerlandschaften sowie  zu seiner Gruppe der 'Polsterbilder' und weiß dominerten 'Galgenbilder' und Kästen, die an die schneebedeckten Winterlandschaften erinnern (vgl. Wvz.-Nr. Weber 010.69 - B 0002).

Galgenbild, 1969, 106,5 x 75,5 cm, Wvz.-Nr. Weber 010.69 - B 0002

1972 erscheint im Bruckmann Verlag, München die Publikation 'K.F. Dahmen – Das malerische Werk von 1950-1972'. In dieser Publikation werden auch zahlreiche Fotos des zeitgleich realisierten Fotoprojekts 'verschneite Chiemgau-Landschaft mit Galgen-Bildern' veröffentlicht, das im Zusammenhang mit dem Fotografen Robert Häusser entstand. Im selben Jahr  finden zahlreiche Ausstellungen an verschiedenen Orten wie Bremen, Mannheim, Bonn, Stuttgart, München oder Wien statt, zudem beteiligt sich Dahmen an der 27. Biennale Nazionale d'Arte in Mailand. Die Städtische Galerie im Lenbachhaus in München erwirbt das große dreiteilige Polsterbild 'Chiemgaulegende' (Wvz.-Nr. Weber 001.72 - B 0269), zuvor gezeigt im Münchener Kunstverein.

Der Münchener Fotograf Raoul Manuel Schnell fotografiert ab 1973 regelmäßig die neu entstandenen Werke Dahmens. Nach einer ersten Einzelausstellung in Wien in der Galerie Schottenring erwirbt das Museum des 20. Jahrhunderts das Werk 'Maskuline Legende III' (Wvz.-Nr. Weber 027.72 - K 276).

1974 besucht der damalige Bundespräsident Walter Scheel den Künstler und seine Familie auf deren Hof in Preinersdorf, Chiemgau. Das Jahr ist geprägt von großen Reisen in die USA (New York) und nach Mexiko. Künstlerisch widmet er sich zunehmend dem Medium der Zeichnung; es entsteht seine Werkgruppe collagierter Farbkreidezeichnungen mit dem Titel 'Kalendertage'. Eine umfassende Einzelausstellung mit Werken aus drei Jahrzehnten zeigt in diesem Jahr die Kunsthalle Darmstadt.

Am 6. Mai 1975 wird Karl Fred Dahmen zum Ordentlichen Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München gewählt. Mitte bis Ende der 70er Jahre unternimmt er ausgedehnte Reisen nach Skandinavien. Es finden zahlreiche Ausstellungen in namenhaften Galerien statt, darunter in der Galerie Nothelfer, Berlin, Galerie der Moderne in Silkeborg/Dänemark, Galerie Löhrl, Mönchengladbach oder Galerie Hennemann in Bonn u.v.m.

Nach dem Erscheinen einer umfangreichen Monografie mit Texten von Willi Lehmbruck und Wolfgang Rothe sowie Fotografien von Robert Häusser und Raoul Manuel Schnell plant Dahmen 1976 erstmals, ein Werkverzeichnis herauszubringen. Ein Projekt, das durch seinen plötzlichen Tod leider unterbrochen wird.

Späte Reisen in die USA

Ohne Titel, 1978, Mischtechnik auf Leinwand, 190,5 x 230,5 cm, Wvz.-Nr. Weber 027.78 - B 0046

1976 reist der Künstler in die Südstaaten der USA. Die im Anschluss entstehenden sogenannten 'Furchenbilder' sind geprägt von einer subtilen, eher monochromen Farbigkeit, die die dortige trockene und karge Landschaft wiederspiegelt. Ergänzt werden die durch horizontale Furchen dominierten Werke zum Teil von chiffreartigen Kürzeln (vgl. Wvz.-Nr. Weber 027.78 -  B0046).

1978 erwirbt Dahmen ein ca. 2.200 m² großes Gehöft in Preinersdorf am Chiemsee. Es finden zahlreiche gute Einzel- und Gruppenausstellungen national und international statt.

Ein Jahr später erscheint 1979 das Werkverzeichnis der Druckgraphik 1956-1978 von Roland Angst und wird in der Galerie & Edition A. in München im Rahmen einer Einzelausstellung präsentiert.

Im September des Folgejahres unternimmt Dahmen eine sechswöchige Reise durch die USA und bereist insbesondere Kalifornien. Die Titel der danach entstehenden Werke 'Malibu', California Sound' und 'Santa Monica' orientieren sich an seinen Eindrücken dieser Reise. Im selben Jahr erhält er eine Retrospektive in der Galerie Gunzenhauser in München gefolgt von weiteren Ausstellungen.

Sein Nachlass

Am 12. Januar 1981 stirbt Karl Fred Dahmen an den Folgen seiner kurz zuvor diagnostizierten Krebserkrankung in Preinersdorf.

Seine Frau, Ursula (Usch) Dahmen, die den Nachlass ihres verstorbenen Mannes weiterführte, stirbt am 8. Januar 1989 und wird ebenfalls auf dem Friedhof bei Prien am Chiemsee beigesetzt.

Anfang der 1990er Jahre werden beide auf dem Friedhof nach Stolberg bei Aachen, dem Heimatort Dahmens, umgebettet.

Die Betreuung des künstlerischen Nachlasses übernimmt zunächst der gemeinsame, einzige Sohn Volker Dahmen. Im Jahr 2003 erscheint im Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln ein umfassendes zweibändiges Werkverzeichnis von 1946-1981 von Thomas Weber.

Nach der Übergabe des künstlerischen Nachlasses an die Enkelkinder des Künstlers, Max und Ina Dahmen, führen sie diesen zusammen mit Van Ham Art Estate in Köln fort.